Was der Soziologe sagt…

Benedikt Köhler, Soziologe und Online-Forscher

… über Michael und Carline:
Michael ist eher unreflektiert in seiner Facbook-Nutzung. Alles was er sieht, erlebt und interessant findet, wird gepostet. Stream of consciousness nennt man sowas.
Carline kontrolliert dagegen genau, was von ihr über Facebook nach Außen dringt. Sie achtet darauf, dass durch ihre Aktivitäten nur ein ganz bestimmtes Bild von ihr vermittelt wird.

… über die Reaktionen ihrer Freunde:
Es ist normal, dass die Reaktionen der Freunde auf die plötzliche Vewandlung zunächst einmal zögerlich sind. Die engen Kontakte wollen die Selbstdarstellung der veränderten Person nicht öffentlich demontieren. Ihr Taktgefühl verbietet es ihnen, auf einer Pinnwand grundsätzliche Charakterfragen anzusprechen. Sie versuchen das lieber persönlich zu klären.

… über den Umgang mit Veränderung
Wenn Menschen sich verändern, gibt es zwei Möglichkeiten damit umzugehen. Das gilt scheinbar auch in der Welt von sozialen Netzwerken.
Assimilation: Die neuen Informationen über einen Freund oder Bekannten werden mit dem bestehenden Bild zusammengefügt. Die Vorstellung, die man über die Person hatte, wird also nicht verändert. Wenn Michael postet, dass er nicht aufs Oktoberfest geht, widerspricht das allem, was man bisher über ihn zu wissen glaubte. Die Assimilation besteht in diesem Falle darin, die Aussage als Scherz aufzufassen, um das bestehende Bild von Michael  nicht ändern zu müssen.
Akkommodation: Der Wandel einer Person ist so stark, dass man seine bestehendes Bild verändern oder erweitern muss. Wenn Carline plötzlich viele Links und Posts über Socialmedia-Politik veröffentlicht, muss man annehmen, dass sich ihre grundsätzlichen Interessen verändert haben. Die Akkommodation besteht darin, sich von der alten Vorstellung über Carlines Kompetenzen zu lösen und neue hinzuzufügen.

… über die Gründe, warum man auf „Gefällt mir“ klickt:
Die meiste Interaktion in Form von Kommentaren oder dem Klicken des Like-Buttons entsteht, wenn das Dreieck zwischen Inhalt, Netzwerk und Absender stimmt.
Inhalt: Wir drücken den Button „Gefällt mir“, weil uns schlicht und einfach der Inhalt anspricht oder interessiert.
Absender: Wir möchten der Person, die etwas veröffentlicht hat, zeigen, dass uns der Post gefällt.
Netzwerk: Wir wollen, dass unsere Kontakte, unser Netzwerk sieht, was uns gefällt. Vielleicht wollen wir sogar, dass ein Inhalt weiterverbreitet wird, weil wir denken, er könnte auch relevant für andere sein.