Egotausch – Das Experiment ist beendet


Zehn Tage lang haben Carline Mohr und Michael Praetorius ihre Facebook-Accounts getauscht. Sie wollten wissen: Wer von ihren Freunden bemerkt etwas?

Jetzt ist das Facebook-Experiment ist beendet. Michael und ich haben unsere digitale Identität zurück. Unsere Freunde. Unsere Pinnwände. Mit dem Egotausch haben wir einige Menschen verwirrt und genervt. Manchmal auch zum Schmunzeln gebracht. Unsere täglichen Erfahrungen könnt ihr im begleitenden Blog zum Egotausch nachlesen.

Gelernt über mich:
Ich habe verstanden, dass mein digitales Ich nur deshalb so sein kann, wie es ist, weil meine digitalen Freunde so sind, wie sie sind. Alles wie im echten Leben.

Gelernt über die besten Freunde:
Das Experiment hat mich überrascht und strapaziert. Die zögerlichen Reaktionen auf unseren Imagewandel haben mich manchmal verwirrt. Aber am Ende bin ich versöhnt. Michael musste sich letztendlich doch noch in ausgedehnten Telefonaten für seinen Anti-Oktoberfest-Post rechtfertigen.

Und meine drei besten Freunde hatten kurz vor der offiziellen Auflösung des Egotauschs eine Intervention vorbereitet. Ganz anlog, von Angesicht zu Angesicht. „Carlinchen, wir wollten mal mit dir reden“, sagen sie. Erst plaudern wir darüber, wie mir die neue Stadt und der neue Job gefällt. Danach fragen sie mich behutsam, warum ich plötzlich so „präsent“ bei Facebook sei … Als ich ihnen vom Egotausch erzähle, atmet meine beste Freundin erleichtert durch und spendiert eine Runde. Champagner.

Gelernt über die eigenen Facebook-Freunde:
Eine starke Veränderung des digitalen Ichs fällt auf. Den engen Freunden sowieso, aber auch die entfernteren Kontakte merken, dass etwas anders ist. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, wie Menschen mit einer solchen Veränderungen umgehen.

  • Es interessiert sie nicht, also reagieren auch nicht.
  • Es interessiert sie so stark, dass sie es nicht öffentlich und via Facebook klären wollen.
  • Sie nehmen an, dass man sich eben verändert hat und akzeptieren das.
  • Sie nehmen es einfach gar nicht ernst und halten an dem Bild fest, das sie bereits kennen.

Gelernt über die digitale Identität:
Ich habe gelernt, dass die digitale Identität nicht nur von meiner Persönlichkeit abhängig ist, sondern auch mit den Netzwerke zu tun hat, in denen ich mich bewege. Was für Michaels Kontakte relevant ist, interessiert meine Freunde nicht. Selbst wenn ich wollte – ich könnte nicht von heute auf morgen zu jemandem werden, der Thesen und Meinungen verbreitet. Man kennt mich nicht als Multiplikator, deshalb würde ich nicht ernst genommen werden. Die Posts würden erst mal unbeachtet auf meiner Pinnwand verkümmern.

Michael war überrascht, dass meine menschelnden Posts und Kommentare Personen in seinem Freundeskreis erreicht haben, mit denen er schon lange nichts zu tun hatte. Sein digitales Ego hat durch sein Verhalten bei Facebook über die Jahre einen bestimmten Charakter bekommen: Er ist Experte für bestimmte Themen, Multiplikator von Inhalten, und Mitbestimmer von Meinungen. Das spricht nicht alle seiner Kontakte an. Durch meine Aktivitäten in seinem Profil hat sich sein Charakter nicht gewandelt, aber eine neue Ebene bekommen. Er erreicht mehr Menschen aus seiner Kontaktliste durch diese Kombination aus Fachkompetenz und Menschlichkeit.

Eine sympathische Kombination eigentlich. Vielleicht werde ich Zukunft auch mal etwas anderes veröffentlichen, als Musik und schlechte Witze. Aber erst mal muss ich meine Pinnwand aufräumen. Und David Hasselhoff aus meinem Profil entfernen.