Carline Mohr und Michael Praetorius tauschen ihre digitale Identiät

Die meisten Menschen können ihre besten Freunde an zwei Händen abzählen. Freunde in sozialen Netzwerken dagegen müssen in Kreisen, Listen und Gruppen organisiert werden, damit man den Überblick behält. Michael Praetorius und Carline Mohr fragen sich: Wer von unseren Freunden würde eigentlich reagieren, wenn wir unser digitales Ich komplett verändern? Die beiden wagen das Facebook-Experiment und tauschen ihre Profile.

Hier lest ihr den Status Quo vor dem Experiment und welche Regeln sich die beiden für das Experiment gesetzt haben.

Das Experiment ist beendet. Hier seht ihr im Video die Höhepunkte und lest das Resumee:

und so fing alles an:
Carline und Michael planen den Facebook-Tausch:

Scrollt Euch durch das Tagebuch des Egotauschs und lest, wie es den Beiden erging!

Michael mag Take That und Schreibmaschinen


Der erste Tag. Ich fühle mich unwohl.

AKTIVITÄT: Als allererstes habe ich David Hasselhoff blockiert. Der postet die ganze Zeit seltsame Dinge und unterschreibt auch noch mit: “Love, The Hoff”. Ich bin ja eher ein Kind der neunziger Jahre. Boygroups, Männer mit rasierten Oberkörpern und so. Das ganze Programm. Deshalb habe ich erst mal Take That reunion und Schoßgebete von Charlotte Roche geliket. 
Ich habe jemandem, der über seine Probleme mit Excel lamentiert, eine Schreibmaschine empfohlen. Die stürzt wenigstens nicht ab.
Bei der Internationalen Funkaustellung kann ich natürlich auch mitreden. Ich weiß zwar nicht, was ein “connectivity concept” ist, aber dieser Fernseher aus den 50er Jahren sah toll aus!

Bei einer Umfrage habe ich in Michaels Namen angegeben, kein Twitter-Nutzer zu sein. Obwohl der gute Mann in Wirklichkeit mehr Tweets als Steuern absetzt.
Ein Freund von Michael postet euphorisch, dass er endlich in Berlin angekommen ist. Natürlich habe ich Ibrahim Evsan Herzlich Willkommen geheißen.

REAKTION: Die Empfehlung zur Schreibmaschine kam gut an. Die Twitter-Umfrage blieb unkommentiert, genauso wie Michaels musikalische Neuorientierung. Der Fernseher hat ein Like bekommen und das Herzliche Willkommen einen Tag später auch.

FAZIT: Niemand wundert sich über Michaels Begeisterung für analoge Technik. Niemand seiner 765 Kontakte reagiert auf die Behauptung, er habe keinen Twitter-Account. Würde er das ernsthaft bei einem Feierabendbier erzählen  – seine Freunde würden ihn für verrückt halten. Michael hat über 4.000 Follower. Entweder es fällt niemandem auf oder es interessiert seine Freunde nicht.

 

Carline wird zum Twitter-Junkie

AKTIVITÄT: Michael hat ein paar ausstehende Freundschaftsanfragen bestätigt. Ich bin jetzt mit meinen Vorgesetzten und Chefs befreundet. Verdammt. Ich hätte doch irgendwann Listen anlegen sollen. Jetzt sehen die nämlich alles. Ist eigentlich noch dieses Foto online, auf dem ich rosa Hasenohren trage und Jägermeister aus einer Eisrutsche trinke?
Darüber hinaus hat Michael 15 Nachrichtenseiten aus dem Socialmedia-Umfeld geliket und ein paar Seiten aus seinem beruflichen Alltag. Außerdem David Hasselhoff. Auweia.

Bei einer Umfrage von Spiegel Online hat er angegeben, ich sei ein „echter Twitter-Junkie“. Ich habe zwar keinen Twitter-Account, aber vielleicht sollte ich darüber nachdenken. Michael sagt, man könne da auch Robbie Williams folgen …

Außerdem spielt Michael unter meinem Namen das Social-Game Fliplife. Hier steht, dass Carline ihrem Boss jetzt Kaffee bringt. Hhm. Schön, dass Michael gerade meine echten Chefs als Freunde hinzugefügt hat. Die sehen das doch jetzt und denken, ich sei nicht zufrieden mit meinem Job.

Einem meiner Kollegen hat Michael ein Bluetooth-Headset mit Geräuschunterdrückung ans Herz gelegt. Witzig. Ich habe gar kein Smartphone. Und ich bezweifle, dass mein antikes Handy weiß, was Bluetooth ist.

REAKTION: Reaktionen: Meinen Vorgesetzten scheint dankenswerter Weise nicht aufgefallen zu sein, dass ich sie ziemlich unprofessionell als Freunde hinzugefügt habeJemand wundert sich auf  meiner Pinnwand, warum ich plötzlich Fan einer Parfümeriekette bin: 

Ein Arbeitskollege amüsiert sich (persönlich) darüber, dass ich Social Games spiele. Meine plötzliche Begeisterung für Seiten wie Techcrunch, Socialbakers und Bürgerdialog Zukunftstechnologien kommentiert niemand. Auch nicht, dass ich angeblich leidenschaftliche Twitter-Nutzerin bin. Die tollen Kopfhörer stoßen ebenfalls auf tiefes Schweigen.

FAZIT: Nur zwei von meinen 228 Freunden stolpern über Kleinigkeiten, die sich in meinem Profil geändert haben. Beide sind Arbeitskollegen, keine Freunde. Gruppenbeitritte scheinen kaum wahrgenommen zu werden. Selbst wenn es 19 Stück in zwei Tagen sind und die Gruppen nicht zu meinen sonstigen Interessen passen. Ich bin verwirrt. Normalerweise machen sich meine Freunden schon lustig, wenn ich mir eine neumodische Errungenschaft wie einen elektrischen Milchschäumer zulege.

 

 

 


Michael mag keine Quetschbrüste



AKTIVITÄT:
Ich habe einer Facebook-Freundin von Michael Tipps gegeben, wie man Marmelade einkocht. Und habe mich auch gleich zum Frühstück eingeladen. Die Frage eines Radiosenders wie man seinen Sonntag verbringt, habe ich kokett beantwortet mit:

In einem Status zum nahenden Oktoberfest habe ich gepostet, dass ich dieses Jahr wirklich keine Lust auf Dirndl, Quetschbrüste und Mundgeruch habe. Armer Michael. Er ist Ur-Münchner und liebt das Oktoberfest.

REAKTION: Die Marmeladenköchin hat sich herzlich bedankt und freut sich auf das gemeinsame Frühstück. Auch wenn sie Michael ewig nicht gesehen und gehört hat.


Die Sonntagsbeschäftigung bekam zwei Likes, aber keine Nachfrage.
Der Status zum Oktoberfest hat inzwischen 14 Likes und acht Kommentare. Die Reaktionen reichen von wilden Spekulationen:

bis hin zu klaren Ansagen:

Michael hat mir eine Nachricht auf der Mailbox hinterlassen. “Carline!! Du zerstörst meine gesamte Reputation! Bist Du irre?” Musste sehr lachen. Langsam macht das Projekt Spaß.

FAZIT: Untypische Kommentare oder Hobbies wie Marmelade einkochen und Aufhübschen für Bauarbeiter werden einfach hingenommen. Der offizielle Post, der Michaels bisherigem Verhalten komplett widerspricht (Michael geht jedes Jahr täglich aufs Oktoberfest), hat viele Reaktionen provoziert. Auch von ein paar Leuten, mit denen Michael seit Jahren keinen Kontakt hatte. Allerdings: ernsthaft nachgefragt wurde kaum. Nur ein Freund fragt sich, woher der plötzliche Sinneswandel kommt:

 

Carline spielt Fliplife in Heringsdorf

AKTIVITÄT: Michael ist zur absoluten Posting-Hochform aufgelaufen: Er hat mich mit dem Smartphone in Heringsdorf auf Usedom eingecheckt. Mit einem Foto direkt vom Strandkorb AK1.

Außerdem hat er stolz auf meiner Pinnwand mitgeteilt, dass ich den Durchmacher-Pokal bei Fliplife gewonnen hat. Peinlich. Ich habe früher nicht mal echte Pokale ins Regal gestellt.


Gleich darunter hat Michael ein Video von Youtube auf meiner Pinnwand veröffentlicht: Echte Schafe mit leuchtenden Lampen werden benutzt, um PONG zu spielen. Pong ist ein Videospiel aus den 70er Jahren. Aha. Ich bin 1984 geboren und meine Mutter hat mir damals sogar Gameboy verboten. Außerdem schreibt man Schafsherde nicht mit zwei “ee”. Kommt ja nicht von Heer. Böses T9 oder wie man auch immer die Autokorrektur auf dem Smartphone nennt.

Michael ist in der Pizzeria Da Roberto auf Usedom eingecheckt. Außerdem hat er einen Link vom Mediendienst kress kommentiert und das Prinzip von viralen Reichweiten erklärt. Ist klar. Das nennt sich “Aufmerksamkeitsökonomie”, hab ich gehört.

Außerdem hat Michael gepostet, wie schwachsinnig er es findet, dass Ilse Aigner den Bundesministerien Facebook-Verbot erteilt hat. Ich musste erstmal kurz nachsehen, wer noch mal Ilse Aigner ist.

REAKTION: Drei Freunden gefällt der Strandkorb-Check-In in Heringsdorf. Den Pokal, das Schaf-Video, den kress-Kommentar und die Pizzeria haben niemand beachtet. Zum Aigner-Post hat sich sachlich ein alter Freund gemeldet, von dem ich ewig nichts gehört habe. Drei Leute haben sich gewundert. Weil ich eigentlich in einem Hintergrundgespräch mit Hannes Jaenicke war, als Michael den Status veröffentlicht hat.

FAZIT: Ich bin entsetztMeiner besten Freundin gefällt es, dass ich in Heringsdorf einchecke. Ich habe kein Smartphone. Ich finde Einchecken peinlich und unnötig. Ich dachte, sie wüsste das.

Auch die Tatsache, dass ich Social Games spiele scheint niemanden zu irritieren. Dabei mache ich mich gerne und ausgiebig über den ganzen Farmvillequatsch lustig und habe alle Anwendungen blockiert. Komisch, dass mich niemand mit Häme überschüttet. Es gibt doch nichts Schöneres als Menschen dabei zu erwischen, wie sie ihre Prinzipien brechen.

Ich frage mich auch, warum sich niemand für die schlauen Sachen interessiert, die Michael in meinem Namen über Online-Themen schreibt. Ich habe das Gefühl, entweder liest niemand die Posts oder man nimmt sie nicht ernst. Ist meine Pinnwand unglaubwürdig? Oder irrelevant? Und wenn ja: Ist sie es schon immer oder erst seit Michael Praetorius dort sein Unwesen treibt?

Schön, dass wenigstens meine Kollegen aufmerksam werden. Ich komme langsam wirklich in Erklärungsnot.

Michael pöbelt im Supermarkt

AKTIVITÄT: Michael mag jetzt Robbie WilliamsHannes Jaenicke und Männer in Uniformen. Außerdem habe ich dem Video-Blogger Wohnprinz in Michaels Namen verraten, wie  für mich ein perfekter Wochenstart aussieht: 

Aus einem Neuköllner Supermarkt habe ich eine kleine Anekdote gepostet. Orthografisch korrekt und pointiert. So geht das:

REAKTION: Wohnprinz wundert sich nicht über Michaels Begeisterung für Frisuren. Dabei hat es einen Grund, dass Michael meistens Hüte trägt.
Nicht mal mein kleiner Uniformfetisch sorgt für Irritation. Ist doch gut zu wissen.

Der Neuköllner Supermarkt hat bisher zwölf Likes und sechs Kommentare. Die Empfehlungen reichen von: “Du hättest ihm etwas zu trinken spendieren sollen” bis hin zu:


Was auch immer die jetzt mit Schnaps und Pennern zu tun haben.


FAZIT:
Wenn ich Anekdoten dieser Art in meinem Profil poste, habe ich selten so viele Likes. Wieso eigentlich? Weil ich weniger Freunde habe oder weil meine Freunde das nicht so lustig finden oder weil sie es einfach schon von mir gewohnt sind?

Außerdem: Wir haben auch einige gemeinsame Freunde. Die finden meine Anekdoten immer lustig und kommentieren sie. Von denen hat aber keiner auf die Supermarkt-Geschichte reagiert. Hätten sie es getan, wenn der Post über meinen Account gelaufen wäre? Wie stark hängt eine Reaktion vom Inhalt eines Posts ab und wie stark von der Person, die postet?

Auf Michaels Seite ist insgesamt weniger passiert als sonst, trotzdem hat er in drei Tagen genauso viel Likes und Kommentare bekommen, wie sonst in einer Woche.

Carlines Notebook trägt Lederhosen

AKTIVITÄT: Michael hat mich bei einem Termin in der Akademie für Kommunikation der Bundeswehr eingecheckt. Entzückend. Eigentlich sitze ich gerade in einer Besprechung.

Außerdem hat er einen Blogeintrag gepostet, in dem es darum geht, wer das Social Web eigentlich nutzt. Und irgendwas mit Print, Zukunft und Flipboard:

Michael freut sich auf die Wiesn. Ich vermute, er nimmt seinen Laptop sogar mit aufs Riesenrad. Und was braucht so ein kleines Computerchen auf dem Oktoberfest? Eine Lederhose. Natürlich. So steht es jetzt auf meiner Pinnwand.

REAKTION: Meine Arbeitskollegen sind ernsthaft irritiert. Ich sitze mit meinem Milchkaffee am Schreibtisch und gleichzeitig checkt mein Facebook-Ich ganz woanders ein. Kopfschütteln im Büro. Ob ich das Stundenglas von Harry Potters Hermine hätte, das mich durch die Zeit reisen lässt? Räusper. Will noch jemand einen Kaffee?

Den Laptop in Lederhosn findet ein Freund von mir:

Aber keiner fragt, ob ich wirklich nach München zur Wiesn komme. Seltsam. Vermisst mich keiner meiner Münchner Freunde?
Die Zukunft des Webs und die Nutzung sozialer Netzwerke kommen so mittel an. Insgesamt nur drei Gefällt-mir.

FAZIT: Der offene und nicht zu leugnende Widerspruch stößt auf Reaktionen. Ich kann nicht gleichzeitig im Büro und bei der Bundeswehr sein. Allerdings hinterfragt sonst niemand, was ich da wohl zu tun haben könnte.
Ich habe das Gefühl, entweder liest niemand die Posts oder man nimmt sie nicht ernst. Ist meine Pinnwand unglaubwürdig? Oder irrelevant? Und wenn ja: ist sie es schon immer oder erst seit Michael Praetorius dort sein Unwesen treibt?

Michael will Postkarten statt Sms

AKTIVITÄT: Ich habe ein Foto von meinem wunderschönen Nokia BL-5CT auf Michaels Pinnwand veröffentlicht, das tragisch die Treppe hinuntergestürzt ist:

REAKTION: Amüsement. Verwirrung. Entzifferungsvorschläge.

FAZIT: Michaels Freunde sind auf Zack. Sie merken, dass etwas nicht stimmt. Sie wissen: Das kann nicht Michaels Handy sein! Meine Freunde haben sich immer noch nicht gewundert, wieso ich mit meiner alten Krücke plötzlich einchecken kann.
Seltsam: Wir haben ein paar gemeinsame Freunde. Die hätten eigentlich erkennen können, dass es sich um MEIN Handy handelt.

Der Idiotentest folgt Carline bei Twitter

AKTIVITÄT: Nun ist wirklich alles zu spät. Mein Profil hat nicht mehr viel mit mir zu tun. Auf meiner Pinnwand steht, dass ich ein Podcaststudio haben will:

Außerdem hat Michael das Bundesministerium für Bildung und Forschung geliket. Scheinbar plaudere ich mit den Ministern im Garten über Ilses Facebook-Verbot:

Michael hat auch gleich in meinem Namen eine Umfrage zum Thema erstellt:

Skurril: Michael schreibt, dass mir der MPU Idiotentest jetzt auf Twitter folgt. Soso. Kriegt man dann vielleicht Punkte erlassen oder so?

Außerdem freue ich mich riesig, dass es Lindenstraße nun auch bei Youtube gibt:

Zum Abschluss checkt Michael mich noch in München ein.

FAZIT: Ilse Aigner, Mutter Beimer und der Idiotentest haben eine Sache gemeinsam: Auf meiner Pinnwand interessieren sie niemanden. Auch die Umfrage zum Facebook-Verbot hat nur eine meiner Freundinnen beantwortet. Wahrscheinlich aus Mitleid.
Aber dass ich angeblich in München bin verursacht eine analoge Reaktion. Endlich! Mein Telefon klingelt: “Du bist hier?! Wieso sagst du denn nichts, Du treuloser Moppelschlumpf?!” Habe mich selten so über einen Anruf gefreut.
Meine Freunde ignorieren die Aktivitäten auf meinem Facebook-Profil fast komplett. Erst der Check-In, der Sprung in eine Lebenssituation, die meine Freunde akut und direkt betrifft – ich bin endlich wieder in München – bringt Bewegung auf meine Pinnwand. Ein schönes Gefühl. Sie vermissen mich doch.

Was der Soziologe sagt…

Benedikt Köhler, Soziologe und Online-Forscher

… über Michael und Carline:
Michael ist eher unreflektiert in seiner Facbook-Nutzung. Alles was er sieht, erlebt und interessant findet, wird gepostet. Stream of consciousness nennt man sowas.
Carline kontrolliert dagegen genau, was von ihr über Facebook nach Außen dringt. Sie achtet darauf, dass durch ihre Aktivitäten nur ein ganz bestimmtes Bild von ihr vermittelt wird.

… über die Reaktionen ihrer Freunde:
Es ist normal, dass die Reaktionen der Freunde auf die plötzliche Vewandlung zunächst einmal zögerlich sind. Die engen Kontakte wollen die Selbstdarstellung der veränderten Person nicht öffentlich demontieren. Ihr Taktgefühl verbietet es ihnen, auf einer Pinnwand grundsätzliche Charakterfragen anzusprechen. Sie versuchen das lieber persönlich zu klären.

… über den Umgang mit Veränderung
Wenn Menschen sich verändern, gibt es zwei Möglichkeiten damit umzugehen. Das gilt scheinbar auch in der Welt von sozialen Netzwerken.
Assimilation: Die neuen Informationen über einen Freund oder Bekannten werden mit dem bestehenden Bild zusammengefügt. Die Vorstellung, die man über die Person hatte, wird also nicht verändert. Wenn Michael postet, dass er nicht aufs Oktoberfest geht, widerspricht das allem, was man bisher über ihn zu wissen glaubte. Die Assimilation besteht in diesem Falle darin, die Aussage als Scherz aufzufassen, um das bestehende Bild von Michael  nicht ändern zu müssen.
Akkommodation: Der Wandel einer Person ist so stark, dass man seine bestehendes Bild verändern oder erweitern muss. Wenn Carline plötzlich viele Links und Posts über Socialmedia-Politik veröffentlicht, muss man annehmen, dass sich ihre grundsätzlichen Interessen verändert haben. Die Akkommodation besteht darin, sich von der alten Vorstellung über Carlines Kompetenzen zu lösen und neue hinzuzufügen.

… über die Gründe, warum man auf “Gefällt mir” klickt:
Die meiste Interaktion in Form von Kommentaren oder dem Klicken des Like-Buttons entsteht, wenn das Dreieck zwischen Inhalt, Netzwerk und Absender stimmt.
Inhalt: Wir drücken den Button „Gefällt mir“, weil uns schlicht und einfach der Inhalt anspricht oder interessiert.
Absender: Wir möchten der Person, die etwas veröffentlicht hat, zeigen, dass uns der Post gefällt.
Netzwerk: Wir wollen, dass unsere Kontakte, unser Netzwerk sieht, was uns gefällt. Vielleicht wollen wir sogar, dass ein Inhalt weiterverbreitet wird, weil wir denken, er könnte auch relevant für andere sein.

Egotausch – Das Experiment ist beendet


Zehn Tage lang haben Carline Mohr und Michael Praetorius ihre Facebook-Accounts getauscht. Sie wollten wissen: Wer von ihren Freunden bemerkt etwas?

Jetzt ist das Facebook-Experiment ist beendet. Michael und ich haben unsere digitale Identität zurück. Unsere Freunde. Unsere Pinnwände. Mit dem Egotausch haben wir einige Menschen verwirrt und genervt. Manchmal auch zum Schmunzeln gebracht. Unsere täglichen Erfahrungen könnt ihr im begleitenden Blog zum Egotausch nachlesen.

Gelernt über mich:
Ich habe verstanden, dass mein digitales Ich nur deshalb so sein kann, wie es ist, weil meine digitalen Freunde so sind, wie sie sind. Alles wie im echten Leben.

Gelernt über die besten Freunde:
Das Experiment hat mich überrascht und strapaziert. Die zögerlichen Reaktionen auf unseren Imagewandel haben mich manchmal verwirrt. Aber am Ende bin ich versöhnt. Michael musste sich letztendlich doch noch in ausgedehnten Telefonaten für seinen Anti-Oktoberfest-Post rechtfertigen.

Und meine drei besten Freunde hatten kurz vor der offiziellen Auflösung des Egotauschs eine Intervention vorbereitet. Ganz anlog, von Angesicht zu Angesicht. “Carlinchen, wir wollten mal mit dir reden”, sagen sie. Erst plaudern wir darüber, wie mir die neue Stadt und der neue Job gefällt. Danach fragen sie mich behutsam, warum ich plötzlich so “präsent” bei Facebook sei … Als ich ihnen vom Egotausch erzähle, atmet meine beste Freundin erleichtert durch und spendiert eine Runde. Champagner.

Gelernt über die eigenen Facebook-Freunde:
Eine starke Veränderung des digitalen Ichs fällt auf. Den engen Freunden sowieso, aber auch die entfernteren Kontakte merken, dass etwas anders ist. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, wie Menschen mit einer solchen Veränderungen umgehen.

  • Es interessiert sie nicht, also reagieren auch nicht.
  • Es interessiert sie so stark, dass sie es nicht öffentlich und via Facebook klären wollen.
  • Sie nehmen an, dass man sich eben verändert hat und akzeptieren das.
  • Sie nehmen es einfach gar nicht ernst und halten an dem Bild fest, das sie bereits kennen.

Gelernt über die digitale Identität:
Ich habe gelernt, dass die digitale Identität nicht nur von meiner Persönlichkeit abhängig ist, sondern auch mit den Netzwerke zu tun hat, in denen ich mich bewege. Was für Michaels Kontakte relevant ist, interessiert meine Freunde nicht. Selbst wenn ich wollte – ich könnte nicht von heute auf morgen zu jemandem werden, der Thesen und Meinungen verbreitet. Man kennt mich nicht als Multiplikator, deshalb würde ich nicht ernst genommen werden. Die Posts würden erst mal unbeachtet auf meiner Pinnwand verkümmern.

Michael war überrascht, dass meine menschelnden Posts und Kommentare Personen in seinem Freundeskreis erreicht haben, mit denen er schon lange nichts zu tun hatte. Sein digitales Ego hat durch sein Verhalten bei Facebook über die Jahre einen bestimmten Charakter bekommen: Er ist Experte für bestimmte Themen, Multiplikator von Inhalten, und Mitbestimmer von Meinungen. Das spricht nicht alle seiner Kontakte an. Durch meine Aktivitäten in seinem Profil hat sich sein Charakter nicht gewandelt, aber eine neue Ebene bekommen. Er erreicht mehr Menschen aus seiner Kontaktliste durch diese Kombination aus Fachkompetenz und Menschlichkeit.

Eine sympathische Kombination eigentlich. Vielleicht werde ich Zukunft auch mal etwas anderes veröffentlichen, als Musik und schlechte Witze. Aber erst mal muss ich meine Pinnwand aufräumen. Und David Hasselhoff aus meinem Profil entfernen.